Ein Still aus „Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof“ (Foto: Krisztina Kerekes, 2018)

FRANZ-GRABNER-PREIS

Der mit je 5.000 € dotierte Franz-Grabner-Preis in den Kategorien Kino- und Fernsehdokumentarfilm wurde im Rahmen der Diagonale’19 in Graz vergeben. Preisträgerinnen sind Ruth Beckermann in der Kategorie Kinodokumentarfilm mit Waldheims Walzer sowie Karin Berghammer und Krisztina Kerekes mit Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof in der Kategorie Fernsehdokumentarfilm.

Karin Berghammer und Krisztina Kerekes freuten sich in ihrer Dankesrede über eine 100%-ige Frauenquote bei den Nominierungen in der Kategorie Fernsehdokumentarfilm, die im deutlichen Gegensatz zu den 16% der Mittel steht, die laut österreichischem Film Gender Report an Fernsehfilme von Frauen gehen und forderten den ORF auf, mit neuen Strategien mehr Filme von Frauen zu ermöglichen.

Krisztina Kerekes und Karin Berghammer gemeinsam mit den weiteren beiden Nominierten
in der Kategorie Fernsehdokumentarfilm, Jennifer Rezny und Barbara Weissenbeck.
(Foto: ORF Steiermark, Berichterstattung vom 21. März 2019)

 

Laudatio „Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof“

SIMONE BAUMANN und CHRISTIAN VON BROCKHAUSEN
 

„Pro Leiche 10 Euro“, erzählt einer im Film, der Gräber buddelt. Das sitzt erst mal. 10 Euro. Da schluckt man als Zuschauer, auch sterben war schon mal rentabler.

Um ehrlich zu sein: Die Toten und wir, das ist eine Geschichte der Entfremdung. Ein Sperrgebiet. Immer noch: Tabuzone. Man müsste sich mal Zeit für den Ort nehmen, dort wo sie ruhen, im Halbdunkel zwischen Leben und Tod – an der Simmeringer Hauptstraße 234. Bei den Wienern besser bekannt: Linie S7, Ausstieg Tor 11. Haltestelle Zentralfriedhof. Es lohnt sich nämlich.

Dort einen Film zu drehen ist unsicheres Terrain. Filme über Friedhöfe sind oft schwer wie Blei oder haben so viel Sinnlichkeit wie Quartalszahlen der Sparkassengruppe Österreich. Oft bekommt man auch schlicht – Angst. Die Filmemacherinnen Karin Berghammer und Krisztina Kerekes haben sich davon nicht abhalten lassen und wählen einen Trick …

Sie kommen über die Hintertür. Sie filmen ihre Ballade vom Leben und Tod, indem sie über das Personal erzählen, die Nebenfiguren, die fast unsichtbar ihr Tagwerk verrichten – auf einem der größten Friedhöfe Europas. Sie beobachten, sie lassen ausreden, sie behalten die Ruhe. Und so verliert man sich in diesen kleinen Erzählungen übers Sterben, über sogenannte „Versenkungsapparate“ und Bienen-Honig vom Friedhof. Und das ist gut so, weil es damit normal wird.

„Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof“ ist ein Gespräch übers sterben. Ohne viel zu quasseln, viel mehr zu beobachten, supertotal oder extrem nah. Wir schauen zu, wir verstehen. Ein Ort, wo Menschen nie Vergangenheit werden. Eine kleine Lücke in der Zeit. Wär‘ das nicht großartig, wenn Fernsehen öfter diese Lücken reißt?

Noch nie wurde die letzte Ehrenrunde unserer Verstorbenen so frech, so schnoddrig, so schön erzählt. Sie haben die Geister beschwört. Sie haben die Geister vertrieben. Applaus für Karin Berghammer und Krisztina Kerekes: „Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof“.