Allerheiligen Allerseelen

Zeit der Vergänglichkeit

Auf dem Friedhof blickt man in Liebe zurück – und doch auch in die eigene Zukunft. Manchmal mit Humor, haben zwei Filmemacherinnen am Zentralfriedhof erfahren.
VON BEATRICE LASCHOBER

Ein Friedhofsbesuch, wenigstens jetzt, zu Allerheiligen und Allerseelen. Und den „letzten Takt“ hören in einen Film aus dem ORF Landesstudio Kärnten über fast vergessene Totenlieder und sogenannte Wachlieder, man sang sie am Totenbett, als die Verstorbenen noch zuhause aufgebahrt wurden.

In einer „matinee“ von André Heller und Dirk Stermann „Grabgeschichten“ erzählt bekommen über den Hietzinger Friedhof und seine Prominenten: Gustav Klimt, Otto Wagner, Katharina Schratt, Heinz Conrads … Der Friedhof versammelt jene, die zu Lebzeiten nie zusammengekommen wären. Grabsteine sind wie Geschichtsbücher. Einmal vielleicht sich vom Pomp funebre von einst einst erfassen lassen: Im Wiener Bestattungsmuseum.

Etwa zu passender Zeit in der „Langen Nacht der Museen“, am 6. 10. von 18.00 bis 1.00 Uhr früh.

Über das Leben. Eine Dokumentation über Begräbnisrituale war der ursprüngliche Gedanke der Regisseurinnen Karin Berghammer und Krisztina Kerekes. Gedreht auf dem Friedhof schlechthin, dem AT „Zentralfriedhof, Wien“. Geworden ist es ein Film über das Leben und die Liebe, über den Tod und den Humor.

Der Zentralfriedhof – wie nimmt einen die Umgebung gefangen?

Krisztina Kerekes: Ich kannte den Zentralfriedhof nicht und war beeindruckt von seiner Größe und Vielseitigkeit – als Ort der Trauer, der Kontemplation, als Naturparadies für Wildtiere und nicht zuletzt als Arbeits- und Erholungsort. Schön finde ich die Ansammlung der unterschiedlichsten Namen auf den Grabsteinen, die viele Assoziationen auslösen und ein Spiegelbild des Multikulti-Wien der letzten 130 Jahre sind.

 
Wem begegnen Sie? Mit wem unterhalten Sie sich?

Karin Berghammer: Uns haben vor allem die Menschen interessiert, die das Werkl am Laufen halten: der Totengräber, der Geschäftsführer, der Kutscher, die Grünpflegerin, die auf die Bäume kraxelt.

Der Humor in der Umgebung des Todes?

Karin Berghammer: Uns hat erstaunt, wie viel es dort zu Lachen gab. Die Meisten, die wir besser kennen lernten, haben einen ausgeprägten Humor. Oft läuft im Alltag der klassische Wiener Schmäh oder es herrscht eine besonders liebevolle, manchmal auch ruppige Art miteinander umzugehen. Zum Teil machen die Menschen richtig harte Jobs, sowohl physisch als auch psychisch – nichts für schwache Nerven.

Krisztina Kerekes: Es schaut so aus, als ob der schwarze Humor den Menschen, die tagtäglich mit dem Tod und unserer Vergänglichkeit zu tun haben, hilft, schwierige Situationen zu verarbeiten.

Ist der Tod ein Wiener?

Karin Berghammer: Nein! Der Tod ist ein Weltbürger. Und (sie schmunzelt) – möglicherweise sogar weiblich …

Würden Sie nun, spazierend, auch andere Friedhöfe besuchen?

Krisztina Kerekes: Wir haben jetzt nach dieser intensiven Auseinandersetzung natürlich einen ganz neuen Blick auf Friedhöfe. Sie interessieren uns weiterhin als besondere Orte von Gesellschaften. Ihr Film ist auch einer über die Liebe …

Karin Berghammer: Wenn der Tod in der Nähe ist, ist die Liebe auch nicht weit. Oft spürt man die Liebe erst, wenn man sich vorstellt, der Mensch wäre nicht mehr.

Wie geht man in so eine Arbeit hinein, wie kommt man heraus?

Krisztina Kerekes: Wir haben während der Arbeit verstanden, dass der Tod nicht nur ein wesentlicher Teil des Lebens ist, sondern dass er auch einen selbstverständlicheren Platz in unserem Alltag einnehmen sollte.

Karin Berghammer: Ja, weil das Bewusstsein, dass es jeden Augenblick vorbei sein kann, die Wertschätzung des gelebten Moments steigert und damit im Grunde die Lebensqualität. Davon können wir alle uns eine gesunde Portion wünschen.

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